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Itzehoe: Abgründe aus der Provinz

September 4, 2012

Itzehoe: Abgründe aus der Provinz

Über einen Naziangriff, dessen Entpolitisierung, dessen wirtschaftpolitische Verwertung, Nazis, Polizei und Presse.

Am 17.08.2012 ereignete sich in der Fußgängerzone der Itzehoer Innenstadt gegen 17 Uhr ein Angriff von Neonazis auf eine Gruppe von Punks.
Die in der Innenstadt am La-Courronne Platz sitzende Gruppe von Punks wurde von den beiden bekannten und langjährigen Neonazis Sascha S. und Andreas M. bepöbelt und bedrängt.
Als einer der Punks verbal zu verstehen gab, dass Faschisten dort nichts zu suchen hätten, schlug Sascha S. unvermittelt mit einer Bierflasche in der Hand zu und traf den Punk so, dass dieser rückwärts mit dem Hinterkopf auf das Pflaster stürzte.
Nach einem weiterem Gerangel in welchem auch Andreas M. tätlich wurde und einen der Punks beiwohnenden Berber schupste, verteidigten sich die Angegriffenen und konnten die beiden angetrunkenen und aggressiven Angreifer vertreiben.
Wie sich im Nachhinein heraus stellte, kündigten die beiden Neonazis bereits im Vorfeld in einer Kneipe in Itzehoe an, bei den Punks für Ärger sorgen zu wollen.

Dieser Angriff stellt für Itzehoer Dimensionen eine neue Qualität dar, da alternative Jugendliche mittlerweile sogar am helllichten Tag in der Öffentlichkeit davon ausgehen müssen, Opfer eines neonazistischen Übergriffs zu werden.
Nur einem glücklichem Zufall ist es zu verdanken, dass der Angegriffene alternative Jugendliche keine weiteren schwerwiegenden Verletzungen erlitten hat.

Man sollte vermuten, dass staatliche Ermittlungsbehörden nach den jüngsten Vorfällen wie der der „NSU-Affäre“, der Affinität von Verfassungsschützlern zu Aktenvernichtern, die rassistische Ermittlungsarbeit und deren Titulierung „Döner-Morde“, oder aber Polizeibeamten bei dem „Ku-Klux-Klan“ in Baden-Würtemberg, einen gewissen Lernprozess hinsichtlich der (mordenden) Neonaziszene zumindest aber eine Sensibilisierung zu der Thematik erfahren haben. Doch weit gefehlt. Reiht sich der oben genannte Vorfall neonazistisch motivierter Gewalt ein, in die Reihe von Angriffen auf Migranten, alternative Jugendliche, oder Andersdenkende , welcher von Seiten der Polizei zu einer Auseinandersetzung innerhalb einer bzw. zwei Personengruppen bagatellisiert / entpolitisiert wird.
So berichtete die „Norddeutsche Rundschau“ am 21.08.2012 unter dem Titel „Nach Schlägerei – Das Problem im Zentrum“, „(…)Beide Opfer mussten ins Krankenhaus. Zur Frage, ob sie selbst zur Gruppe gehörten, gebe es keine Erkenntnisse, so Pehl. Zunächst seien sie nicht vernehmungsfähig gewesen. Die Ermittlungsgruppe Jugend der Kriminalpolizei hat übernommen. Wie die Auseinandersetzung entstanden sei, wisse die Polizei noch nicht, sagte der Revierleiter.“

Chapeau, da werden zwei Neonazis, welche mitten am Tag Menschen angreifen zu „Opfer“ verkehrt, die Punks als vermeintliche Täter hingestellt und die Polizei hat angeblich keine Erkenntnisse. Um festzustellen, dass es sich bei Sascha S. um das ehemalige Mitglied der bundesweit bekannten Naziskin-Band „Kraftschlag“ handelt, welcher sich ebenso wie Andreas M.(auch „Hooli“) genannt seit Jahren im neonazistischem Lager aufhält, braucht es keine Vernehmung, eine Abfrage der Personalien hätte bereits alle Alarmglocken läuten müssen.
Erst am 23.08.2012, sechs Tage und zwei Zeitungsartikel später, konnten die tatsächlichen Opfer, nämlich die Punks öffentliche Wahrnehmung durch einen weiteren dritten Zeitungsartikel der „Norddeutschen Rundschau“ erlangen. Zum aller ersten Mal wurde in diesem Dritten Artikel überhaupt darüber geschrieben, dass es sich bei den Angreifern um Neonazis gehandelt habe. Die Polizei wollte dies auch auf nachfrage erneut nicht öffentlich bestätigen.

Wir fragen uns, wozu es eine Online-Polizeipressedirektion gibt, welche über jeden „Diebstahl in Bad Pusemuckel“ berichtet, zu diesem konkretem Vorfall mit hohem öffentlichem Interesse aber nichts veröffentlicht wird.
Wir verurteilen diese Art der Ermittlungs- und Informationspolitik, sowie die Entpolitisierung des Vorfalls von Seiten der Polizei scharf. Vor allem wenn davon auszugehen ist, dass die Ermittlungsbehörden genaustens über die Ideologie der neonazistischen Täter im Bilde ist.

Recht auf Stadt

Der Übergriff, sowie dessen öffentliche Bagatellisierung zu einem Streit unter vermeintlich betrunkenen, psychopathischen, asozialen und hochgradig-aggressiven Punkern „mit Schaum vor dem Mund“ kommt aber gerade den „Stadtvätern und Müttern“ von Itzehoe genau zur richtigen Stunde.
War doch die Gruppe um die Punker herum, den Stadtvertretern und Ladeninhabern schon lange ein Dorn im Auge.
Denn sämtliche Versuche die Gruppe welche auch medial einfach als „Störer“ bezeichnet wird aus dem Stadtbild zu verdrängen, schlugen bis jetzt fehl.
Die neuste Entscheidung, einen privaten Sicherheitsdienst auf öffentlichen Plätzen einzusetzen und mit dem „Hausrecht“ auszustatten sollte diskutiert werden, wurde jedoch aufgrund der Kosten (ca. 13.000 Euro für 2 Monate) vorerst verschoben. Da kam der Angriff auf die Punker ja wie gerufen um für Privat- und Wirtschaftsinteressen ausgeschlachtet zu werden. Es wird nun sicherlich niemand mehr verwundert sein, wenn dem Antrag hinsichtlich des Sicherheitsdienstes letztem Montag im Finanzausschuss bewilligt worden ist.
Somit werden jetzt ab den 01.09.2012 noch mehr private „John Waynes“ von der Stadt bezahlt als ohnehin schon. Es reicht ja schließlich auch nicht, dass der neu gestaltete „Prinzesshof-Park“ für mehrere Tausend Euro umzäunt wurde, der Aufenthalt dort nur unter strengster Beobachtung und Beachtung von tausend Regelungen möglich ist und ebenfalls von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht wird, welcher strengstens darauf achtet, dass in der Cola-Flasche auch wirklich kein Alkohol vorhanden ist und man seine Schuhe nicht auf den Holzbänken ablegt. Immerhin schließt der Parkwächter bzw. Wiesenförster die Tür zum Park immer so vorbildlich ab, wie sich die Stadt nicht an den Haushalt halten kann. Vorbildlich Itzehoe, dass hierfür immer noch Kniste über ist.

So sollen nun auf Hoffen und Bangen der Stadtvertreter, Politiker und Ladeninhaber die störenden Punker endlich aus dem Stadtbild verschwinden, genauso wie die von städtischer Seite, euphemistisch, beschriebenen „Störer“ in der Brunnenstraße, auf der anderen Seite der Fußgängerzone. Zaun, Sicherheitsdienst, demnächst noch klassische Musik am Itzehoer Bahnhof? Es scheint fast so als wenn der Itzehoer Bürgermeister Herr Andreas Koeppen zu seinem Parteigenossen Markus Schreiber aus Hamburg(beide SPD) geschielt hat, letzterer hat eine unfreiwillige Berühmtheit erlangt, nachdem er versucht hatte, Obdachlose mit dem Bau eines Zaunes unter einer Brücke zu vertreiben.

Allem Zynismus zum Trotz, nichts anderes spielt sich in dieser beschaulichen Stadt ab
Das Problem ist einfach benannt, es heißt: Vertreibungspolitik.
Als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre, wird ein neonazistisch motivierter Angriff auf eine Gruppe von Punks zudem noch instrumentalisiert um eben jenen gegen sie zu verwenden.
Es bleibt nicht viel mehr als das kalte kotzen, wenn man sieht in welche Richtung sich diese Stadt (zurück)entwickelt. Gentrifizierung scheint auch hier angekommen und eine fundierte Kritik hieran, abseits von der aktuellen Diskussion, ob die neuen Bodenfliesen Motiv „Stör“ für die Fußgängerzone nun richtig sei oder nicht, ist wichtig und richtig. Den es bleibt leider nicht mehr bei purer Gentrifikation wenn treu nach historischem Muster, die Politik den Tag bestimmt, welche die Maxime „ein klares Feindbild gibt dem Tag Struktur“ anstrebt.
Denn nach hiesigem Denken, bestellt man seine „Treter“ bei Online-Shops, beschwert sich aber über die Punker, die dem Schuhladen vor welchem sie sitzen vermeintlich das Geschäft vermasseln.
Eine Stadt wie Itzehoe sollte sich vielmehr Gedanken darüber machen, wie man die Menschen die hier noch leben, hier halten kann, jenseits von 1- Euro und Backshops und einer neu gebauten „Arge“ auf prädestiniertem Kulturgelände.(die meisten jungen Menschen ziehen nämlich liebend gern hier weg, soweit sie die Möglichkeit hierzu haben) anstatt sie sozialdemokratisch zu vertreiben und auszugrenzen. Wenn sämtliche konstruktive Ideen zugunsten von Vetternwirtschaf und Engstirnigkeit zu Grabe getragen werden, wundern wir uns nicht und trauern dieser Stadt auch irgendwann nicht mehr hinterher, wenn sie irgendwann einfach nur noch ein unbedeutender verarmter Hamburger Vorort ist.

Wir solidarisieren uns mit den angegriffen Punks und wehren uns vehement gegen eine städtische Vertreibungspolitik, welche nur noch zum an die Koeppe fassen ist…

Im Anhang zu sehen, Andreas M. einer der beiden Angreifer, von dem die Polizei nicht Stellung beziehen könne ob es sich um einen Neonazi handele.… zu sehen auf einer NPD-Wahlkampfveranstaltung im schleswig-holsteinischem „Steinburg“ aus:
„Gewalttäter als Kandidaten? Wahlkampf der NPD in Schleswig Holstein“
„Das Erste“ Panorama-Bericht vom 6. Januar 2005

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From → Aktuelles

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